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Alte Musik in neuen Zeiten

14/06/18 HEIDEMARIE KLABACHER (drehpunkt kultur)

„Es kann gar keinen ‚Nachfolger‘ geben, bestenfalls eine Nachfolge von mehreren Personen, die sich seine Aufgaben teilen.“ Albert Hartinger arbeitete Tag und Nacht, haftete persönlich für die Finanzen. „Das wird langsam umgestellt.“ Albert Hartinger bleibt Ehren-Vorsitzender der Bachgesellschaft, die er mit visionärem Gespür gegründet und einzigartigem Idealismus geleitet hat. - Florian Birsak im Gespräch mit DrehPunktKultur.

Florian Birsak und Howard Arman: Zwei international renommierte Experten für Alte Musik, mit Salzburg eng verbunden, teilen sich mit Beginn der Spielzeit 2018/19 Programmgestaltung und künstlerischen Belange als „Künstlerische Beiräte“ der Salzburger Bachgesellschaft. Ebenfalls mit Beginn der Saison 2018/19 zeichnet für organisatorische, personelle und wirtschaftliche Agenda Rechtsanwalt Bernhard Zettl als Vorsitzender des Vereins. „Wir haben ja einen Organisationsstau bei der Bachgesellschaft. Bernhard Zettel versteht viel von Musik. Man kann sich auch als Musiker gut mit ihm unterhalten. Er hat eine gute Einschätzung des Musikbetriebs und dessen, was es dazu braucht“, sagt Florian Birsak. „Ist etwa ein Kartenverkauf im Büro der Bachgesellschaft noch zeitgemäß? Solche Fragen werden nun von Anfang an durchgedacht.“

Mit Howard Arman, dem legendären Mitgründer und Leiter des Salzburger Bachchores, sei man anlässlich eines Konzerts ins Gespräch gekommen, erzählt Birsak. Howard Arman sei als Chef des BR-Chores „derzeit gar nicht weit weg“. Howard Arman wird in der nächsten Saison bei der Bachgesellschaft „Messias“ und „Alexanderfest“ mit dem Collegium Vocale der Salzburger Bachgesellschaft und dem Barockorchester der Universität Mozarteum leiten – und sich als „Beirat“ künftig um die „Sachen mit Chor kümmern“, besonders zu Ostern und Weihnachten.

Er selber, so Florian Birsak, plane eher die Konzerte mit „kleineren“ Ensembles. Dazu gehört auch Birsaks Vision von einer künftigen eigenen Reihe mit jungen Ensembles aus der Alten Musik-Szene, eventuell in Kooperation mit Wettbewerben oder Musikuniversitäten. Es sei jedenfalls schon lange geplant, „dass wir neben der Abo-Reihe noch ein zweites kleines Standbein auf den Boden bringen“.

Im Abo-Zyklus habe Albert Hartinger im Wesentlichen noch die Weichen für die kommende Saison gestellt, sagt Florian Birsak. „Je größer die Besetzungen umso mehr Hartinger, je kleiner umso mehr Birsak.“ Voraussichtlich werde Albert Hartinger die Kinder-Schiene, die ihm seit Gründung ein besonders Herzensanliegen ist, behalten. In der Musikvermittlung plane er, so Florian Birsak, keine Neuerungen, da sei man in Salzburg über die „Musik für junge Leute“ der Bachgesellschaft hinaus längst sehr gut aufgestellt.

Auf die Gestaltung des Abo-Zyklus der Bachgesellschaft freut Birsak sich sehr. Als bisheriger Gestalter der Barockfeste sei er ins Künstlerische ohnehin schon eingebunden gewesen. Das Barockfest, 2019/20 ist soeben in Planung, sei für ihn besonders spannend, weil es nicht dem klassischen Konzertablauf folge. „Unser Sinfoniekonzert-Schema, das im Wesentlichen auf die Romantik zurückgeht, passt - auf die Alte Musik mit oft vielen oft sehr kurzen Stücken übertragen – nicht immer.“ Das Wandelkonzert, wie es sich in der Residenz aufdränge, sei dagegen etwas sehr Barockes.

„Im Gegensatz zu Albert Hartingers Zeit ist Alte Musik zu machen heute in Salzburg längst kein Alleinstellungsmerkmal mehr. Wir müssen uns fragen, wo wir als Bachgesellschaft unsere Berechtigung herleiten.“ Der Knackpunt für den „künstlerischen Beirat“: „Womit unterscheiden wir von der Bachgesellschaft, wenn wir den Messias aufführen, uns zum Beispiel von der Kulturvereinigung oder den Festspielen, wenn sie den Messias aufführen?“ Bei „Alexanderfest“ oder „Messisas“ sei das klar, da gehe es neben der Besetzungsgröße um Dirigenten- und Solistennamen, um das „Wer“. Da sind der Bachgesellschaft naturgemäß Grenzen gesetzt, sie könne nicht auf Stars bauen. „Wir müssen Werke und Komponisten ins Zentrum setzen. Und bei den ‚Rosenkranzsonaten‘ oder dem ‚Musikalischen Opfer‘ geht es neben dem ‚Wer‘ auch um das ‚Wie‘ – um die Rahmenbedingungen“.

Er denke etwa dran, Heinrich Ignaz Franz Bibers „Rosenkranzsonaten“ über drei Jahre in sieben verschiedenen Kirchen aufzuführen, oder an Visualisierungen im Zusammenhang mit dem „Musikalischen Opfer“: „Wird man der Musik gerecht, wenn man nur den Kanon spielt? Das sind Fragen die mich umtreiben, wenn ich die Konzerte plane“, sagt der Cembalist, der am Mozarteum einen Lehrstuhl für Cembalo und Generalbass und Ensembleleitung inne hat. Ein weiteres Anliegen: Musik nicht nur aufführen und hören, sondern einbetten in Gespräche mit den Spielenden: „Aber nicht als simples ‚meet &greet‘ bei einem Prosecco, wie es ohnehin alle machen, sondern als echtes anspruchsvolles Reden über die Musik.“

Ein radikaler Cembalist? Man staunt nur so, was sich Florian Birsak in unseren Tagen der Musikvermittlung vom Krabbelkinder- bis zum Greisenalter zu sagen traut: „Alle ‚Englischen Suiten‘, das ganze ‚Wohltempierte Klavier‘: Das ist durchaus eine Überforderung. Aber man soll sich auch einmal nach oben orientieren. Manches ist hochschwellig. Das braucht dann Kleinheit und Intimität in kleinen Räumen. Man soll nicht glauben, dass man etwas verwässern muss, um etwas erfolgreich aufzuführen.“